Vitra gehört zu den profiliertesten Möbelmarken überhaupt. Die Schweizer sind vor allem bekannt für Klassiker, die Jahrzehnte überdauern. Neue Entwürfe sind bei einer Marke mit diesem Profil eine Seltenheit. Umso bemerkenswerter also, dass Vitra mit dem Bascule
Lounge Chair einen neuen Sessel herausbringt. Entworfen haben ihn Lisa Ertel und Anne-Sophie Oberkrome von Studio Œ. Wir haben die beiden Designerinnen in ihrem Berliner Atelier besucht.
Ihr seid bei Vitra die ersten Designerinnen, die einen Lounge-Chair entwickeln durften. Wie ist es denn dazu gekommen?
Lisa: „Der allererste Kontakt kam über das Vitra Design Museum. Die haben 2022 einen Entwurf von uns angekauft, den wir tatsächlich noch während des Studiums realisiert hatten. Einen Stuhl, von dem es genau einen Prototypen gibt. Der ist jetzt Teil der Sammlung. Später gab es Gespräche mit Vitra, aber nicht bezogen auf ein bestimmtes Projekt. Quasi um sich kennenzulernen. Und dann kam Ende 2023 die konkrete Nachfrage, ob wir Lust hätten, mit ihnen zusammen einen Lounge Chair zu entwickeln.“
Und wie ging es weiter?
Anne-Sophie: „Nachdem die Anfrage kam und wir zusagten, ging eigentlich alles total schnell. Wir hatten vorher schon per E-Mail so ein bisschen Übersicht zum Entwicklungsstand bekommen. Und dann haben die ziemlich schnell wie so einen rudimentären Bewegungsprototypen geschickt. Denn der Wunsch war, dass wir auf diesem Mechanismus aufbauen bzw. diesen nutzen. So konnten wir dann direkt anfangen.“
Aus dem Französischen übersetzt bedeutet "Bascule" Wippe. Der Name erklärt sich anhand des Mechanismus, an dem die Entwicklungsabteilung bei Vitra bereits arbeitete, als sie Studio Œ ins Boot holte.
Im Inneren der Armlehnen sitzt ein federnder Mechanismus, der auf Gewichtsverlagerungen reagiert und die Sitzposition stufenlos von aufrecht bis zur tiefen, fast horizontalen Neigung anpasst. Und das unabhängig von Körpergröße oder Gewicht. Dabei entsteht ein sanftes Wippen.
Des Sessels neuer Anorak
Um zu verstehen, was der Mechanismus überhaupt kann, warfen Lisa und Anne-Sophie als Erstes Stoff über das Holzgerüst und bewegten es. Der Effekt kam für sie unerwartet: Im Faltenwurf des Stoffs zeichnete sich plötzlich etwas ab, das an eine Armbeuge erinnerte. An Kleidung, die sich mit dem Körper bewegt. Das Bild der Jacke, die sich beim Zurücklehnen mitbewegt, wurde zur Leitidee für den Entwurf.
Wie schwer ist es, so ein Polstermöbel zu entwickeln, was so viel Bewegungsfreiheit dann auch zulässt?
Lisa: „Wir haben uns bei diesem Entwurf näher am Schneiderhandwerk gesehen als am Polstern. In der Modeindustrie wird diese Bewegung des Körpers immer miteinberechnet. Kleidung hat diesen gewissen Freiraum, um sich der Bewegung anzupassen. Das war von Anfang an Teil dieses Bildes, das wir im Kopf hatten."
Im digitalen Raum zu gestalten, hat uns kaum was gebracht. Wir mussten schließlich immer diese Bewegung austesten. Und auch das natürliche Fallen vom Stoff. Das lässt sich nicht simulieren. Deshalb haben wir eigentlich hauptsächlich direkt mit Material gearbeitet, viele Mock-ups genäht und Details ausprobiert.“
Wie war denn die Reaktion von Vitra, als ihr den ersten Entwurf eingereicht habt?
Anne-Sophie: „Ziemlich positiv. Wir arbeiten überwiegend konzeptionell. Also haben wir erst mal ein Konzept gepitcht. Als wir das Konzept in einen ersten Prototyp übersetzt und mitgebracht haben, hat das Team von Vitra das direkt verstanden. Diese Grundidee haben wir als Fundament für den restlichen Prozess genommen"
Kissenhafter Bezug und recycelbares Material
Klassisches Polstern bedeutet: Stoff wird stramm um Schaum gespannt und festgenäht. Der Bascule Lounge Chair aber bewegt sich über einen weiten Radius fast in die Horizontale. Ein Bezug, der dabei nicht reißt, rutscht oder unschön knautscht, das war die Herausforderung.
Entsprechend wenige Nähte gibt es: Zwei kurze halten die Rückenlehne, größere Nähte am Rand formen scharfkantige Konturen, die wie ein Kragen über die Armlehnen ragen – bewusst nach außen geklappt und ebenfalls ein Zitat aus der Mode.
Ihr hattet beide wenig Erfahrung mit Polsterei. War das mehr Vor- oder Nachteil?
Lisa: „Wir haben gerade beim Thema Polstern Fragen gestellt, die man wahrscheinlich nicht fragt, wenn man schon weiß, wie es geht. Und wir haben andere Wege ausprobiert. Klassischen Methoden – verklebter Schaum, feste Bezüge – waren für diesen Entwurf schlicht ungeeignet. Das erfahrene Polsterteam bei Vitra begleitete uns natürlich.“
Vitra hatte mit BASF ein recyceltes Polstermasterial entwickelt. Wie nutzt ihr das im Bascule?
Anne-Sophie: „Das gibt es noch gar nicht so lange. Beim Bascule ist der V-Foam [Anm. d. Redaktion: das Polstermaterial] zum Beispiel im Sitz und in der Kopfstütze verarbeitet, um an diesen Stellen extra Support zu geben. Im restlichen Bezug sind recycelte PET-Fasern drin, weil wir dieses Kissenhafte, Bequeme wollten. Es ist aber nichts verklebt, weshalb man alles einzeln rausnehmen und bei Bedarf auch recyceln kann.“
Ein modischer Sessel mit einer Extraportion Gemütlichkeit
Das Ergebnis der gemeinsamen Entwicklungsarbeit ist ein legerer Lounge-Sessel, der mehr als nur eine Form hat. Bascule gibt es mit Vierstern-Aluminiumfuß oder auf Holzbeinen sowie als Highback mit integrierter, höhenverstellbarer Kopfstütze oder als Lowback. Der Mechanismus ist in beiden Versionen identisch, das Kopfkissen setzt beim Highback noch eins drauf.
Beim Bascule Lounge Chair ermöglicht die Technik des Wippmechanismus eine fast horizontale Liegefläche. Der Highback-Sessel erlaubt es, die Gemütlichkeit voll auszuschöpfen, aber auch in der Lowback-Variante kann man sich gemütlich in den Sessel fläzen. Die Kontur ist immer fix, wodurch sie zum sonst sehr freien Faltenwurf in der Lehne einen ruhenden Gegenpol bildet. Gleichzeitig nimmt sie dem Möbel die Strenge, die klassische Lounge Chairs manchmal mitbringen.
Mit Bascule ist Studio Œ und Vitra ein Sitzmöbel gelungen, dem man seine Gemütlichkeit ansieht, bevor man überhaupt darinsitzt. Bravo!

